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Die Radtour (1971)
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2. Tag (Freitag, 10.09.1971)

...Bergab geht es natürlich recht bequem und so kann ich mich bis in die Trierer Innenstadt rollen lassen, was ich auch tue. Mit einigen verstreuten Fotos durchquere ich die alte und ziemlich ausgelaugte Stadt. Die einzige Sehenswürdigkeit ist die sorgsam gehütete Porta Nigra.

Schon bald überkommt mich ein gewisses Desinteresse und so suche und finde ich wieder das Weite. Ich fahre wieder aus Trier hinaus, nicht ohne noch schnell zwei neue Filme zu besorgen und einen voll belichteten in den Postkasten zu werfen, auf dass er entwickelt werden möge.

Es geht weiter in die meiner gestrigen Einfahrt entgegengesetzte Richtung, um nach Wellen zu gelangen. Ich bin auch ein paar Stunden unterwegs und kaufe mir in Konz, einem Ort kurz hinter Trier, ein Kilo Äpfel und einen Liter Kakao, wonach ich meine Reiseroute wieder aufnehme.

Die Hinweisschilder leisten vortreffliche Dienste. Ich verfahre mich keinmal, lege auf einer Wiese, ungefähr zehn Kilometer vor Wellen, eine Ruhepause mit Fotografiereinlage ein und gelange dann gegen 13:30 Uhr in Wellen an, wo ich schon nach kurzem Suchen, immerhin liegt es günstig, das Haus finde, welches die Nummer 5 hat und am Bahnhof liegt. Da steht auch zu allem Überfluss noch der Name auf dem Schild neben der Klingel und ich erkenne sogar das Stück Garten wieder, welches ich vor Jahren auf einem Foto mal flüchtig gesehen habe. Ich klingele. Es öffnet ein jüngerer Bruder von Horst, dem ich sage, ich käme gegen 14:00 Uhr noch mal vorbei, wenn Horst von der Arbeit zurück ist. Gesagt, getan.

Ich fahre für eine halbe Stunde in der Gegend umher, mache einige Ablichtungen und finde mich gegen 14:00 Uhr wieder bei meinem ehemaligen Kochkollegen ein, wo mir dann tatsächlich Horst entgegen kommt. Wir begrüßen uns wie zwei alte Bekannte, die sich lange nicht mehr gesehen haben. Kein Wunder, denn so war es ja auch.

Wir beschließen, nachdem Horst gegessen hat, er liest dabei flüchtig in einem Comicstrip, mit der Bahn nach Trier zu fahren und dort den Tag irgendwie rum zu kriegen. In Trier angekommen wandern wir zunächst zum sogenannten Park, ein Treffpunkt der Jugend, doch heute ist nichts los, kaum einer da.

So trödeln wir weiter, setzen uns in eine Snackbar, um als Abendbrot eine Currywurst zu verspeisen. Danach will Horst unbedingt ein paar alte Freunde treffen, wie er sagt. Wir gehen zum Eingang einer Diskothek, wo auch schon ein paar Typen herumlungern. Alle kurz vor dem Asozialismus und die beschließen nun, zu ihrem Stammplatz, eine ausgediente Schule, zu fahren.

Notgedrungen fahre ich mit und stelle fest, dass die sich da ganz gehörig eine Haschisch-Spelunke eingerichtet haben mit wurmstichiger Kommode, Drahtgitter mit Gips überzogen, Zeitungen auf dem Boden ausgebreitet. Ich lehne höflich aber bestimmt den mir angebotenen Joint ab und verziehe mich nach draußen, wo mich der Lärm eines Schlagzeugs und einer Gitarre in eine bestimmte Richtung zieht und so höre ich mir eine Weile die Beschäftigung zweier Amateurmusiker an.

Endlich sind die Rauschbrüder fertig und wir ziehen wieder ab. Man sieht es ihnen deutlich an, dass sie ganz schön vollgepumpt sind. Glasige Augen, stierer Blick, verklärtes Lächeln, so setzen wir uns in eine Eisdiele und ich bemerke, wie sich die Bedienung bemüht, nichts zu sehen. Hinterher bezahlen wir - wie das üblich ist - und gehen die Strecke zu Fuß zurück. Gegen 22:00 Uhr langen wir mit der Bahn wieder in Wellen an. In dem Zimmer, in dem Horst mit seinem älteren Bruder schläft, wird auf dem Boden ein Bundeswehrschlafsack ausgebreitet, auf den ich den meinigen lege, um mich dahinein zu verkriechen.


3. Tag (Samstag, 11.09.1971)

Am nächsten Morgen, es ist übrigens Samstag, der 11. September, wache ich gegen 7:30 Uhr auf, Horst ist schon zur Arbeit weg, sein Bruder pennt noch. Ich ziehe mich an. Dabei wird der Bruder wach und zieht sich ebenfalls an, um mit mir zu frühstücken. Horsts Mutter ist auch schon auf und hat bereits den Tisch gedeckt. Wir essen, ich bedanke mich für die Gastfreundschaft, hole mein Fahrrad aus dem Keller und weiter geht es.

Ich fahre an Nittel, einem Nachbarort von Wellen, in dem eine ehemalige Klassenkameradin von Horst wohnt, vorbei, komme durch Kaffs wie Nennig, Perl und Büschdorf. In Büschdorf will ich wieder einen belichteten Film abschicken. Ich suche die Post, finde einen Postkasten, daneben eine Tür, an der ein Schild hängt: Post steht drauf. Davor steht ein Bauer, der gerade in einer Grube Mist wendet. Den frage ich, wann die Post hier wieder aufmacht. Er sagt mürrisch: Moment, komm'se mit. Aha, das ist also der Postbeamte hier. Na gut, Hauptsache überhaupt.

Er schließt die Tür mit dem Schild auf und wir gehen ins erste Zimmer links, worin er tatsächlich ein paar zwar uralte, aber doch originale - sozusagen professionelle - Postmöbel aufgestellt hat. Mit wichtigem Gesicht fragt mich der Amateur-Beamte nach meinen Wünschen. Ich sage sie ihm. Er weiß den Gebührentarif nicht auswendig und steigt auf einen Stuhl, um ein vergilbtes Heft vom Schrank zu nehmen, in welchem er tatsächlich die Stelle findet, wo die Gebühren für Warensendungen angegeben sind. Ich bezahle für die Briefmarke und verabschiede mich.

Als ich weiterfahre, kommt mir plötzlich zu Bewusstsein, dass es zu regnen beginnt. Egal, denke ich, wird wohl nicht so lange dauern und fahre weiter. Im nächsten Dorf, Tünsdorf, komme ich schon sehr schön durchnässt an und beschließe, nachdem ich mir eine Flasche Apfelsaft gekauft habe, das Ende des Regens in einem Café abzuwarten. Und so setze ich mich in das erste, wenn man die Straße von Büschdorf runter kommt, in der ersten Querstraße rechts befindliche Café hinter eine Tasse von dem selben. Ich sitze vielleicht eine Stunde, blättere in Illustrierten, der Laden ist sonst menschenleer, sitze noch eine halbe Stunde und verliere endlich gegen 16:30 Uhr die Geduld. Es regnet zwar nach wie vor genau so stark, aber ich fahre dennoch weiter.

Kurz nach Tünsdorf merke ich, wie sich das linke Pedal von meinem Rad zu lösen beginnt. Scheiße, denke ich, das jetzt. Wenn es wenigstens nicht regnen würde. Aber es regnet unverdrossen weiter. Die Pedale sind am Fahrrad mittels konisch-zugeschnittener massivmetallener Stifte verbunden, die sich, nach richtigem Durchstecken an den Pedalen durch die dafür vorgesehenen Aussparungen, durch das Aufschrauben der Muttern so an die Pedalachse pressen, dass sie festsitzen. Nun, infolge einer zu festen Anziehung der linken Mutter war das Pedal einfach zu stark gespannt worden, sodass der Stift abbrach und das Pedal somit die Gelegenheit bekam, sich zu lösen, was es alsbald tat. Ich denke, na gut, nehmen wir einen Stein, schlagen den defekten Stift raus und setzen einen neuen ein. Ich war immerhin so intelligent, mir zwei Ersatzstifte mitzunehmen, eben für diesen Fall.

Flugs nehme ich einen Schiefer und schlage ihn erst einmal an dem Stift in siebenundfünzig Stücke, von denen ich dreiundzwanzig ins Gesicht bekomme. Schmutzige Finger habe ich schon, also macht es nichts, dass ich neben dem Straßenrand in einer vom Regen aufgeweichten Ackerfurche einen Basalt ausbuddele, mit dem es mir dann doch gelingt, nicht ohne vorher meine Jacke und meine Hose zu beschmieren, den unbrauchbaren Stift raus zu schlagen. Nach kurzem Suchen finde ich in einer der drei Werkzeugtaschen an meinem Rad die Ersatzstifte, von denen ich einen vorschriftsgemäß einsetze und mit dem Stein so weit rein zu schlagen versuche, dass ich eine Mutter auf das Gewinde schrauben kann. Jedoch, so sehr ich mich auch bemühe, es gelingt mir nicht. Nach vielleicht fünfzehn erfolglosen Minuten gebe ich es auf und schiebe meine Karre in der Hoffnung weiter, bald einen Laden zu finden, in dem ich das nötige Ersatzteil finde.

Die Hoffnung ist angesichts der Gegend und, wie mir plötzlich einfällt, der Geschäftszeiten an Samstagen allerdings nicht sehr groß. Nach fünfzig Meter Schiebung gelange ich an eine baufällige Hütte, die früher wohl mal Arbeitsgeräte für den in der Nähe wohnenden Bauern enthalten hat. Jetzt aber liegt der Boden nur noch voll mit den Stroh- und Lehmteilen der Wände und eines Teiles der Decke. Aber immerhin, das Dach ist noch dicht und so entschließe ich mich, in der Hütte ein besseres Wetter abzuwarten und noch mal mein Glück am Fahrrad zu versuchen. Welch Wunder, nach kurzem Umsehen finde ich tatsächlich einen, wenn auch verrosteten aber doch noch gebrauchsfähigen Hammer, mit dem ich den neu eingesetzten Stift lautstark und schwungvoll malträtiere.

Zwar bekomme ich ihn immer noch nicht weit genug in die Aussparung, aber dafür kommt der Bauer, dem die Geräusche wohl nicht ganz geheuer vorgekommen sind und will wissen, was das hier werden soll. Ich sage es ihm und er ist sogar, was ich nicht gedacht hätte, dazu bereit, mir zu helfen, meint, er hätte mehr Kraft und schlägt auch ein paar mal auf meine Fahrrad ein. Er merkt bald, dass auch er keinen Erfolg hat und gibt auf. Er meint, in Tünsdorf gebe es einen Laden, der solches Zubehör hat. Mir bleibt wohl nichts anderes übrig, als tatsächlich zurück zu fahren, genauer gesagt zu schieben. Der Bauer meint, ich könne den Hammer ruhig mitnehmen. Ich bedanke mich und biete an, ihn nachher wieder hier hin zu legen.

Langer Rede, kurzer Sinn: Ich schiebe also mein Gerät die lächerlichen zwei bis drei Kilometer und finde tatsächlich den besagten Laden, an dem ich klingele. Und wahrhaftig, was man in der Stadt wohl nicht erleben würde, es öffnet jemand, obwohl es immerhin Samstag gegen 17:00 Uhr ist. Mein heute schier grenzenloses Glück will es, dass ich die richtigen Stifte bekomme und so kann ich endlich nach gelungener Reparatur meine Fahrt fortsetzen.

Es ist übrigens auf meiner ganzen Fahrt die einzige Panne, die ich zu beheben habe. Ich rechnete ja zuerst mit platten Reifen; immerhin hatte ich den Vorderreifenmantel schon einmal notdürftig mit einem Tempotaschentuch geflickt. Doch wir werden sehen, es geht alles gut.

Es regnet zwar nach wie vor, aber meine Laune ist schon wieder so weit hergestellt, dass mir das nichts mehr ausmacht. Vor lauter Übermut vergesse ich gar, den Hammer wie versprochen zurück zu legen. Ich fahre weiter und gelange nach Einbruch der Dunkelheit in das Dorf Schwennlingen, wo ich das erstemal zu Hause anrufe. Ich sollte es möglichst jeden Tag tun, doch hatte ich keine Lust dazu. Jedenfalls wissen die jetzt, wo ich bin.

Während ich weiterfahre, grübele ich über mein heutiges Nachtlager nach. Wo nämlich ist die nächste Jugendherberge? In Saarbrücken dürfte eine sein, glaube ich. Aber wie weit ist es noch bis Saarbrücken? Meiner Schätzung nach zu weit, um es heute noch zu erreichen. Na mal sehen. Fahren wir erst mal weiter. Mir wird schon was einfallen. Ich durchquere Hilbringen und es kommt mir noch kein Gedanke. Ich fahre durch Mechern und weiß auch jetzt noch nicht, wo ich übernachten soll. Nachdem ich auch Fremersdorf hinter mir gelassen habe, denke ich an die Möglichkeit, bei Privatleuten unterzukommen. Aber nach Verlassen von Saarlouis schlage ich mir den Gedanken wieder aus dem Bregen. Ich fahre durch Schaffhausen und bin so klug wie vorher.

Doch endlich in Völklingen kommt mir die Idee, einen Fußgänger nach der nächsten Jugendherberge zu fragen. Ja, die gibt es. In Saarbrücken ist eine ganz neue. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als bis Saarbrücken durch zu fahren. Wie lange das wohl noch dauert? Der Verkehr nimmt langsam zu und hin und wieder hupen die Autos hinter mir. Meinen die mich? Vielleicht funktioniert mein Rücklicht nicht? Darum kann ich mich jetzt nicht kümmern und so trete ich weiter in die Pedale.

Inzwischen hat es endlich aufgehört zu regnen und so sehe ich plötzlich, dass ich mich schon in Saarbrücken befinde. Ich wähnte die Stadt noch dreißig Kilometer entfernt. Na herrlich, jetzt muss ich nur noch die Herberge finden. Ich frage eine Frau danach. Die weiß nichts von einer Jugendherberge. Ich frage einen Mann, der sagt, er glaube, es sei die nächste Querstraße rechts, dann geradeaus, zweimal links, wieder eine rechts, und dann einfach die Dudweiler Landstraße entlang. Ich versuche es, aber es ist unmöglich, nach den Angaben zu fahren. Ich frage einen Jugendlichen. Der meint, ich müsse über die Brücke rüber, dann immer rechts halten und auf der Straße zur Universität bleiben. Ich könne aber auch hier die Abkürzung fahren, aber von da weiter ist es dann zu schwierig. Ich versuche es erneut und verfahre mich wieder hoffnungslos. Ich frage ein Ehepaar, die mir erzählen, ich wäre schon ganz in der Nähe und brauche nur noch da hinten unter der Bahnunterführung durch, dann an der Tankstelle vorbei rechts weiter. Die Straße zur Uni.

Aha, also bin ich doch richtig und fahre weiter und richtig, ohne noch ein einziges mal fragen zu müssen, finde ich nun ganz alleine die Jugendherberge... Und die hat geschlossen! Ich gucke vorne. Kein Licht und abgeschlossen. Ich gucke hinten - alles dicht. Ich rüttele am Nebeneingang - zu. Na ja, auf eine Strapaze mehr oder weniger kommt es mir heute auch nicht mehr an und so radele ich denn wieder zurück und suche nach dem erstbesten Hotel, damit ich um Himmels willen endlich ein Dach über den Kopf kriege. Endlich finde ich eins. Industriehotel heißt es und ist nicht billig. 22,- DM für eine Nacht mit Frühstück. (Man erinnere sich: es war 1971! - Anm. der Red.)

Aber einen freundlichen Portier haben die, der mir hilft, mein Fahrrad in den Keller neben den Kücheneingang zu schaffen, wofür ich ihm eine Mark Trinkgeld gebe. Als ich auf meinem Zimmer ankomme und in den Spiegel sehe, wundere ich mich nachträglich, dass der mich überhaupt reingelassen hat. Total verdreckt, durchnässt, mit quietschenden Turnschuhen, verschwitzter Lederjacke und zerzausten Haaren, so steh ich da und erkenne mich selber kaum. Und so mache ich mich erst mal etwas frisch, oder wie man das nennt. Endlich gegen 22:30 Uhr werfe ich mich mit einem mein äußerstes Wohlbehagen wiedergebenden wohligen Seufzer ins Bett und schlafe tief durch bis circa 9:00 Uhr. Angenehm ausgeschlafen ziehe ich mich an, hinterlege 50 Pfennig für das Zimmermädchen und fahre mit dem Aufzug hinunter zum Frühstück...

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